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Interview mit Berliner Sportlerfamilie (Schwimmen)

Schwere Zeiten auch für Sportler(Familien). Durch das Corona-Virus sind seit Mitte März 2020 alle Sportveranstaltungen nicht nur im Schwimmen in Deutschland abgesagt wurden. Ein Ende, zumindest für Schwimmwettkämpfe, ist auch in den nächsten Wochen nicht in Sicht.
Was also machen? Welche Alternativen gibt es? Wie wird der einstige durchorganisierte „Sport-Schultag“ in Zeiten der Corona-Krise organisiert? Hier sind die Antworten.

Auch wenn ein konkreter Name der Familie hier nicht zu finden ist so stehen meine Fragen und ggf. einige Antworten stellvertretend für andere Sportlerfamilien. Denn eines haben diese Wochen gezeigt: die Sorgen, die Nöte, die Fragen beschäftigen viele Menschen – in jedem Alter.

Seit Mitte März 2020 sind die Schulen geschlossen, ein Training findet nicht mehr statt. Wie war die Umstellung auf „Home-Schooling“? Welche Hürden gab es zu meistern?
Die Umstellung hat etwa eine Woche gedauert, Kinder und Erwachsenen mussten ersten Kopf umschalten. Erst nach 2,3 Tagen kamen die ersten Aufgaben. Man hat ein bisschen Zeit gebraucht sich mit den Herausforderungen einigermaßen zu arrangieren.

Wir probieren die Hausaufgaben gleich am Morgen nach dem Frühstück zu bewältigen. Ich lasse nach Möglichkeit alle meine vier Kinder gleichzeitig arbeiten damit die Ruhe möglich eingehalten wird. Natürlich sind die jüngeren Kinder schneller fertig, da steigt manchmal der Frust bei der älteren Tochter.

Schwimm-Utensilien liegen zur Zeit nur im Schrank.
Schwimm-Utensilien liegen zur Zeit nur im Schrank.

Berücksichtigen die Lehrer die unterschiedlichen häuslichen Möglichkeiten?
Ich persönlich finde es äußerst ungünstig, dass man sich in Deutschland nicht einigen konnte. Manche Bundesländer nutzen die Zeit um den Lernstoff der letzten Monate zu vertiefen. Berlin macht es wiedermal anders. Der ganze Unterrichtsstoff, den die Kinder bekommen, ist neu. Das stellt mich als Elternteil vor eine unglaubliche Herausforderung. Ich muss trotzdem gleichzeitig meine Arbeit bewältigen, die Kinder in mindestens sechs unterschiedlichen Fächer unterrichten sowie für sechs Personen einkaufen, kochen, Wäsche machen, putzen und Haustiere versorgen.

Dass von mir erwartet wird, dass ich das ganze Pensum von Mathe und Deutsch, über Englisch und Naturwissenschaft beherrschen kann, finde ich unüberlegt. In vielen Bereichen muss ich mich erst einlesen, vorbereiten und vorhandenes Wissen wieder auffrischen um nichts Falsches weiterzugeben oder Wissensschwächen vor den Kindern zugeben zu müssen.

Wie werden die Leistungen bewertet?
Man muss alles abfotografieren und an verschiedene E-Mail-Adressen absenden. Die Arbeit wird korrigiert und zurück geschickt. Entsprechend haben wir einen unglaublichen Mailverkehr.

Sind die Lehrer darauf vorbereitet, Aufgaben online zu stellen?
Die Hausaufgaben kommen immer nach und nach. Die Lehrer müssen sich selbst erst mal Gedanken darüber machen, Aufgaben definieren und Pläne erstellen.

Ab welcher Altersstufe ist online Unterricht (Stream) möglich?
Ich denke vor der Mittelstufe brauchen wir nicht darüber zu reden.

Welche Materialien wurden gefordert die du noch kaufen musstest?
Beinah alles. Fast alle Arbeitsmaterialien von der älteren Tochter sind blieben in der Schule. Die jüngeren Kinder hatten ihre Sachen mitgenommen, liegt vielleicht daran, dass es in der zweite Klasse auch nicht so viele sind. Trotzdem hat man immer wieder was gebraucht, was man gerade nicht zu Hause hatte.

Auch das Training wurde abrupt beendet. Wie geht ihr als Sportlerfamilie damit um?
Wir haben nicht gleich kapiert was uns passierte und wir konnten auch nicht gleich die Veränderungen wahrnehmen. Doch nach und nach haben die Kinder der Mangel an Wasser signalisiert. Erst als die Wettkämpfe ersatzlos gestrichen wurden, kam bei meiner großen Tochter die große Verzweiflung. Es stauten sich plötzlich viele Fragen, viel Frust und viele Sehnsüchte. Das muss man möglichst schnell besprechen und abbauen, in der Pubertät können Gefühle lawinenartig übers Gemüt rollen und noch größere Schäden hinterlassen.

Welche Tipps gibt es seitens der Trainer?
Es gab aus der Seite des Vereins und aus der Seite der Sportschule verschiedene Anregungen, Übungen und Videos. Alles Trockenübungen für die Athletik. Die ersten zwei Wochen hatten doch ziemlich gut geklappt. Aber nach und nach werden die Übungen langweiliger. Im Moment wird es immer schwieriger die Kinder dafür zu motivieren und irgendwann sind auch Trockenübungen zu monoton für die Wasserratten.

Wie ist die Kommunikation zwischen den Eltern und zwischen den Eltern und Trainern?
Wir kommunizieren relativ wenig mit anderen Eltern, nach dem Motto „jeder mit seinem Frust“. Allerdings trainiert meine große Tochter gelegentlich mit anderen Trainingspartnern, immer nur ein Kind und immer nur Athletikübungen. Die beiden gehen entweder zusammen joggen oder machen (mit Abstand) Athletikübungen.
Die Trainer schreiben gelegentlich in den WhatsApp-Gruppen. Aber mal ehrlich, was sollte man da erzählen? Niemand weiß etwas Konkretes und entsprechend kann niemand Pläne schmieden.

Die Schwimmsaison 2019-20 wurde mit dem 18.3.2020 beendet. Eine Neuansetzung von Training und Wettkämpfen kann ich nur unter dem Stichwort „nach-Corona-Saison“ bezeichnen. Wie siehst du das?
Ich war ein bisschen verwirrt weil ich mir nicht vorstellen konnte dass uns das tatsächlich passiert. Ich war auch enttäuscht als ich bemerkt habe dass es von der Seite der DSV relativ wenig Informationen kommen. Es kam mir so vor als würde man permanent über unsere Köpfe entscheiden.
Ich habe mich öfters gefragt ob man bei DSV auch mal an die junge Sportler gedacht hat. Es kamen immer wieder Informationen für die Olympiateilnehmer und die sind definitiv die Hoffnungsträger. Aber die große Masse des Lizenznehmer bei dem DSV bestehen aus Kindern und Teenagern, die auch einen Anspruch haben auf gerechte Lösungen, Informationen, Ansprechpartner!

Hilfspakete wurden von der Bundesregierung und dem Berlin Senat beschlossen. Hast du von den Hilfs-Worten auch schon Taten sehen?
Ich weiß nicht so ganz genau was damit gemeint ist. Man kann im Netz über viele Versprechungen lesen. Die Hilfspakete habe ich nicht richtig wahrgenommen. Über konkrete organisatorische Pläne und klare Termine um was das Schuljahr betrifft, hätte ich mich mehr gefreut als über Geldversprechungen.

Ich bin verwundert, dass es für Sportler im Landeskader des Berliner Schwimmverbandes keine Lösungen angeboten werden. Eine Pauschalisierung des Breitensports und des Spitzensports darf es nicht geben, vom Spitzensportler werden steht’s Erfolge in nationaler und internationaler Ebene erwartet. Eine solch lange Trainingspause ist nur sehr mühsam und langsam aufzuholen. Abgesehen von der Gefahr das für die pubertierenden Jugendlichen die Motivation für das bisher intensive Training im Spitzensports verloren gehen kann.

Ich bin mir sicher, dass einige talentierte Kinder nach einer so langen Pause nicht mehr am Wettkampfleben mit seinen Entbehrungen teilnehmen wollen und in den in den Breitensport zurückgehen werden.
Eine Außnahmebetrachtung, wie zum Beispiel Einzel-, Zweier- oder Training in Kleinstgruppen mit den zur Zeit beschäftigungsärmeren Trainern, hätte viel kompensieren können; auch die Nutzung jeder zweiten Schwimmbahn wäre für diese kleine und disziplinierte Leistungsgruppe extrem wichtig.
Beim Fußball geht komischerweise immer viel mehr und keiner kann mir erzählen dass dort mehr Abstand eingehalten werden kann.

Zurzeit streiten Schüler, Lehrer und die Kultusminister über die Absage von Abiturprüfungen. Wie siehst du das?
Die Abiturprüfungen stehen jetzt für den Land Berlin fest. Man kann natürlich ewig mit pro und contra Argumenten darüber streiten. Doch wir brauchen Kontinuität und Normalität. Und vernünftig organisierten und durchgeführten Prüfungen gehören zu meinen Normalitätsvorstellungen dazu.

Obwohl die Krise noch (lange) nicht überwunden ist, welche persönlichen Erfahrungen hast du gemacht? Hast du etwas über dich erfahren, was du bisher noch nicht wusstest?
Ich habe vorher nie so intensiv über den Einfluss der Medien auf unsere Gesellschaft nachgedacht.
Ich bin in diesen fünf Wochen deutlich vorsichtiger geworden. Ich neige momentan dazu, selektiver zu werden, ich suche mehr nach Informationen und weniger nach „Nachrichten“.
Mein Motto für diese beinahe „esoterische“ Zeit: „Learning by doing“.

Vielen Dank für die offenen Worte auch für die Zukunft viel Kraft!

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