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Alaa Maso

Alaa Maso flüchtete 2015/2016 von Syrien nach Deutschland. Seit dieser Zeit trainiert und schwimmt er in Hannover. Die neue Herausforderung heißt Coronavirus, die aber im Jahr 2020 den ganzen Sport gefährdet. Wie er den Weg von Syrien bis heute meisterte und welche Ziele er hat lest ihr in diesem Interview.

Sportbilder Alaa Maso: https://www.mirkoseifert.de/sportler/fotos/9103/0/

Syrien/Deutschland

2016 bist du als Flüchtling von Syrien nach Deutschland gekommen. Wie ist das ganze abgelaufen?
Erstmal kam die Entscheidung von meinem Vater in 2015, dass wir (ich und mein Bruder) nicht mehr in Syrien bleiben sollen. Meine Eltern sind in Syrien geblieben, da meine Schwester erst ihre Uni fertig machen und dann nach Europa wollte.
Im Oktober 2015 sind wir losgefahren, zuerst nach der Türkei, ich zur Fuß; mein Bruder durfte mit dem Flugzeug reisen, da er schon über 18 war. Bei mir war es schwierig, da einer von den Eltern da sein musste, aber das würde viel mehr Geld kosten usw.; an sich war die Flucht sehr teuer.

Dann von der Türkei weiter nach Griechenland mit dem Boot, und wie es immer geht durch 7 – 8 Länder bis Deutschland. Aber eigentlich war unser Plan gar nicht nach Deutschland zu kommen. Wir wollten immer nach Holland fahren, da mein Vater vor dem Syrien-Krieg öfters da war. Außerdem haben wir dort Familie.
Aber leider, als wir durch Deutschland unterwegs nach Holland waren, mussten wir Fingerabdrücke in einem deutschen Armeestützpunkt abgeben. Sie haben uns die ganze Zeit gesagt, dass es keine „Asyl-Fingerabdrücke“ sind sondern jene zur Feststellung beim Vorstrafenregister. Sie haben uns verarscht, obviously haha!

Das haben wir aber erst nach 7 Monaten in Holland erfahren, so das wir zurück nach Deutschland müssen. Erst sind wir in der Nähe von Osnabrück für 6 Wochen geblieben, bis wir ein Status bekommen hatten.
In der Zeit hat mein Bruder Kontakt mit Hannover 96 Triathlon Team genommen und sie haben uns geholfen nach Hannover zu ziehen.
Zum Glück haben wir schnell eine Wohnung mit Hilfe von unserer „deutschen Familie“, die Thöneböhn, gefunden und konnten weiter normal leben.
Zum Anfang habe ich auch mit der Triathlon Gruppe von H96 trainiert, bis ich am Ende bei Wolfgang Frese gelandet bin. Er ist Trainer der TG1 bei der SGS Hannover. Bei ihm blieb ich über zweieinhalb Jahre.
Gleichzeitig bin ich zur Schule gegangen. Zuerst in einer Sprachlernklasse für anderthalb Jahre, danach wechselte ich in die 10. Klasse.
Nach einem Jahr habe ich mir gemerkt das es im Gymnasium sehr schwierig ist, wegen der ganz anderen Sprache, die ich in der Sprachlernklasse gelernt hatte. Es ging um schwierige Wörter und Begriffe. Daher bin ich auf die BBS2 (Berufsbildung Schule 2) gegangen und habe dort meinen ersten Abschluss gemacht mit einem Notendurchschnitt von 2,0.

Alaa Maso bei den Berlin Swim Open 2020.
Alaa Maso bei den Berlin Swim Open 2020.

Bei wem trainierst du aktuell?
Bei Emil Guliyev in der ersten Landeskader Gruppe im Olympischen Stützpunkt Hannover. Ich habe noch keine Landeskader-Pflichtzeit und trainiere da als Sonderfall wegen meines Stipendiums vom IOC und der möglichen Olympia Qualifikations-Chance.

Was sind deine Hauptstrecken?
Mein Hauptstrecken sind: 50 m und 100 m Freistil; 50 m und 100 m Schmetterling; 200 m Lagen finde ich auch schön, obwohl ich das selten schwimme!

Welche sportlichen Ziele hast du?
Mein erstes Ziel dieses Jahr ist natürlich in Olympia teilzunehmen und meine Bestzeiten zu verbessern. Solange ich diese Chance vom IOC bekommen habe will ich die richtig benutzen und zeigen, dass ich es verdient habe und verdienen werde.
Ein anderes sportliches Ziel ist es, der schnellste Kraul-Schwimmer in Syriens Geschichte zu werden. Aktuell bin ich auf den 50 m und 100 m Freistilstrecken nur noch eine Sekunde von den Rekordzeiten entfernt. Diese stehen aktuell auf 50 m Freistil bei 22,41 Sekunden (aufgestellt bei der WM 2006) und auf 100 m Freistil bei 51,24 Sekunden (meine Bestzeit liegt aktuell bei 52,27 Sekunden).
Der Schwimmer, der die beiden Syrischen-Rekord hält, ist Rafed El-Masri. Soweit ich weiß hielt er den Deutschen Rekord über 50 m Freistil von 2008 bis 2016 bei 21,86 Sekunden.

Bei welchen Wettkämpfen hast du seit 2016 teilgenommen?
Ich nahm bei sehr vielen Landesmeisterschaften, auch auf Kreis- und Bezirksebene, teil.
Meine Highlights waren:
Deutsche Jahrgangmeisterschaften 2018 in Berlin. Das war meine letzte Chance für eine Qualifikation. In der Phase hatte ich auch probiert, an den Olympischen Jugendspielen in Argentinien teilzunehmen. Leider scheiterte ich sehr knapp an der Norm. Ich war nur 0,03 Sekunden über der Pflichtzeit von 24,30 Sekunden (B-Standard).

In 2019 habe ich an den offenen Deutschen Meisterschaften teilgenommen und schwamm drei Bestzeiten bei drei Starts.

3 Monate später, im November, kam die Deutsche Kurzbahnmeisterschaft. Da habe ich eine schwere Erkältung gehabt. Trotzdem schwamm ich über 50 m Freistil eine Bestzeit.

Der Swim-Cup in Amsterdam war mein letzter Wettkampf des Jahres 2019, auch hier kam ich mit 3 Bestzeiten bei 4 Starts aus dem Wasser.

Swim Open Berlin 2020 war mein erster Wettkampf auf der Langbahn dieses Jahr; da bin ich 3 Bestzeiten bei 3 Starts geschwommen.

Sport in Syrien vor dem Krieg, Sport in Deutschland. Du kennst beide Systeme. Vergleiche sie doch bitte miteinander?
Ich kann wohl sagen das die Systeme ähnlich sind. Es gab die 6-Tage Trainingswoche; wir kamen auf 8 Einheiten. Erwärmung vor dem Training, Dehnung nach dem Training, das war wie in Deutschland. Was uns aber immer fehlte war das Krafttraining. Zu dieser Zeit in Syrien war ich aber noch zu jung um ins Fitnessstudio zu gehen. Es gingen aber zu jener Zeit sowieso wenige Leute ins Fitnessstudio.

Meine Trainingsgruppe war sehr groß. Wir trainierten immer von 18.00 Uhr bis 20.00 Uhr; 6 Bahnen hatten wir beim Training, wobei die ersten 3 Bahnen mit jeweils 3 Sportlern und der Rest mit 5 bis 6 Leuten besetzt waren.
Die ersten 3 Bahnen waren immer für Kadersport bestimmt. Ich war immer auf Bahn 1. Mein alter Trainer war ebenfalls einmal Schwimmer und Asien-Meister auf 200 m Brust und 400 m Lagen.
Wir haben meist nach alten Trainingsplänen aus seiner Zeit trainiert.

Mir ist klar, dass man die Trainingssituation nicht mit Deutschland vergleichen kann. Hier wird das Trainingssystem mit der Zeit immer wieder erneuert und angepasst. Hinzu kommen Einheiten an Land und regelmäßige Medizintests.
Meine Fahrt zur Trainingsanlage in Syrien dauert ca. eine Stunde. Seit dem 7. Lebensjahr war das mein Weg. Obwohl mein Vater mich hin und wieder zur Schwimmhalle brachte, war ich die meiste Zeit allein unterwegs. Mein Vater hatte nämlich seine eigene Trainingsgruppe. Seine Trainingsstätte war ein großer Betrieb mit Restaurant und angeschlossenen Tennis- und Fußballplatz, Basketballfeld sowie Plätze für Fitnessstudios und einem Wellness-Bad.
Wir trainierten auf einer 50 m Bahn. Vor dem Krieg waren wir gut ausgestattet. Wir hatten Platz zum Trainieren, das Wasser war sauber und im Winter war es warm. Mit dem Krieg war alles schlagartig vorbei.
In Syrien musste ich keine Vereinsbeiträge zahlen. Auch war die Bezahlung der Trainer in meinem Heimatland gut.

Wie ist die Lage in deinem Heimatland? Welche Kontakte hast du dorthin?
Immer noch schlecht. In der letzten Zeit ist der Krieg weniger geworden, aber eben noch nicht beendet. Mein Vater lebt noch in Syrien und mit ihm habe ich am meisten Kontakt. Sonst habe ich mit niemanden mehr Kontakt in die Heimat.

Coronakrise
Bei den Berlin Swim Open vom 28.2. bis 1.3.2020 warst du in Berlin. Danach ging es gleich ins Trainingslager nach Fuerteventura. Wie war die Situation zu dieser Zeit in Spanien? Wann musstet ihr wieder abreisen?
Am Anfang des Trainingslagers war noch alles in Ordnung. In den letzten 4 Tagen unseres Trainingslagers spürten wir aber die Krise, außerdem wurde das Wetter schlechter.
Kurz vor unserer Abreise gab es eine Ausgangssperre. Am letzten Tag durften wir auch nicht mehr ins Wasser, da die Heizungen abgedreht waren. Das Hotel wollte schließen, falls es mit dem Virus weiter geht.

Wie sieht dein Training zurzeit aus?
Momentan gibt es leider kein Wassertraining. Ich warte auf eine Bestätigung vom DSV, die mit dem DOSB sprechen wollten, da Olympiakader weiter trainieren dürfen in den Stützpunkten. Aber soweit noch nichts entschieden ist gibt es nur Landtraining und Jogging.

Wie stehst du im Kontakt mit deinen Trainingskameraden?
Wir haben täglich Kontakt via Social-Media Apps, meistens auf Snapchat. Wir verstehen uns ganz gut.

Als du Syrien verlassen hast war die Zukunft für dich ungewiss. Wie bist du damals damit umgegangen?
Als ich 15 war habe ich nicht so viel an die Zukunft gedacht. Mir war wichtig, dass mein Bruder mit dabei war und er daran gedacht hat.

Was macht dir aktuell Hoffnung? Was bereitet dir Sorgen?
Hoffnung mach ich mir dahin, dass der Krieg in Syrien bald endet damit nicht mehr so viele Leute sterben. Meine Landsleute haben verdient zu leben, sie sollen weniger leiden, weniger flüchten und weniger in der Kälte leben.

Ich hoffe weiterhin, dass ich weiterhin fit bleiben, meinen Sport ausüben kann. Ich habe vor, bis zu den Olympischen Sommerspielen 2028 in Los Angeles meinen Sport zu betreiben.

Sorgen mache ich mir um meinen Vater, der in Syrien lebt, und freue mich immer, wenn ich Nachrichten von ihm bekomme und weiß, dass er noch da ist. Er ist schon über 70 Jahre alt und ich habe ihn seit 5 Jahren nicht mehr gesehen.

Vielen Dank für das Interview!