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Interview Jennifer Stiefel (Wasserball)

Das folgende Interview wurde im Rahmen des „Newsletters der Wfr Spandau 04“ im Februar 2020 als PDF veröffentlicht.

Jennifer Stiefel spielt seit der Saison 2018-19 beim Frauen-Wasserballteam der Wfr Spandau 04.
Link: Bilder auf Mirko Seifert

Jennifer Stiefel bei einem Bundesliga Spiel in Berlin
Berlin, 23.11.2019: DWL Frauen Saison 2019-20. Das erste Spiel der Saison der Wfr Spandau 04. Wfr Spandau 04 (weiße Kappen) gegen den SV Bayer Uerdingen 08. Endstand: 17:6 (4:0; 1:0; 6:5; 6:1). *** Jennifer Stiefel

 

Erzähl uns doch wie du zum Wasserball gekommen bist!

Ich komme aus einer mehrfach beschriebenen „Wasserball-Dynastie“ aus Esslingen am Neckar: mein Vater Jürgen war langjähriger Nationalspieler, WM-Torschützenkönig 1978, zweimaliger Olympiateilnehmer und Europameister 1981. Meine Cousin der Nationalspieler und Olympiateilnehmer 2004 Steffen Dierolf und Cousine die Nationalspielerin und zuvor Kapitänin Katrin Dierolf. Meine Schwester Sandra wurde ebenfalls 2010 Deutsche Meisterin und Pokalsiegerin mit Blau-Weiß Bochum.

Dennoch begann ich erst mit 12 Jahren an Wasserball zu spielen, als wir als Familie nach Süd-Kalifornien zogen und meine Mutter nach Freizeitaktivitäten für uns Kinder in unserer neuen Umgebung suchte. Ich hatte in der Community ein Broschüre gesehen, dass es einen Wasserball Verein gibt und ich dachte mir, mein Papa hat es gespielt, dann würde ich  es halt auch mal probieren. Mein Vater hatte uns Kinder nie gezwungen seinen Sport zu spielen oder sowas, er war zum dem Zeitpunkt als ich entschied Wasserball auszuprobieren gar nicht mal im Land. Ich hatte schwimmen früh gelernt und das Wassertreten fiel mir dann in den ersten Trainingseinheit auch leicht und vor allem machte es mir direkt sehr Spaß mit meinen neuen Mannschaftskameradinnen zu trainieren und spielen.

Mein erstes Spiel habe ich auch bis heute nicht vergessen. Ich habe das Anschwimmen gewonnen, nach vorne geschwommen, habe den Pass zurückbekommen und direkt ein Tor geworfen und somit hat mich Wasserball fest und dies bis heute.

Pflegst bzw. hast du noch Kontakte zu deinen ehemaligen Mitstreiterinnen?

Ich bin im Kontakt mit vielen ehemaligen Mitspielerinnen, sowohl in den USA, als auch in Deutschland. So konnte ich auch unsere jetzige Torfrau, Victoria Chamorro, für Spandau begeistern, nachdem sie ihr Studium an der University of Southern California beendete. Wir studierten und spielten zusammen dort in der Universitätsmannschaft im Frühjahr 2015, es war meine letzte Saison und ihre erste.

Auch internationale Freundschaften mit Gegnerinnen Pflege ich, da es einige Spielerinnen bei Spanien zum Beispiel gibt, gegen die ich schon seit über 10 Jahre spiele und wir uns immer wieder begegnen, und somit auch außerhalb des Wassers immer einen freundlichen Austausch finden.

Wie hast du vom Projekt „Frauen Wasserball Wfr Spandau 04“ erfahren und wie war deine Reaktion?

Ich habe durch meine Freundin und Nationalmannschaftskollegin Belén Vosseberg erfahren, dass sie und Marko Stamm eine Frauen Wasserballmannschaft bei Spandau 04 quasi aus dem Boden stampfen und ich war direkt fasziniert und neugierig.

Warum bist du nach Berlin zu den Wfr Spandau 04 gekommen?

Mich haben die professionellen Trainingsmöglichkeiten bei Spandau schon immer fasziniert und als es hieß, dies soll nun auch bei den Frauen möglich sein, war ich direkt angetan. Ein neuer Anfang, mit einer neuen hungrigen Mannschaft hat mich gereizt. Meine persönliche, sportliche Weiterentwicklung stand auch im Vordergrund und hierzu fand ich in Marko, einer der erfahrensten und erfolgreichsten aktiven Wasserballern in Deutschland, den richtigen Trainer, daher hat die Zusammenarbeit mit ihm meine Entscheidung zusätzlich stark beeinflusst.

In der laufenden Saison wie auch schon letztes Jahr sind bei den 04-Spandauern erfahrene als auch Neulinge am Start. Wie gehst du mit dieser Situation um?

Das ist das tolle an einer Mannschaftssportart, es gibt immer eine gewisse Rollenverteilung und dies finde ich wichtig für die Entwicklung der Individuen und auch der Mannschaft. Die Mischung macht es!

Jede Saison ist ein Reifeprozess für jede Mannschaft, da es jedes Jahr Veränderungen in den Mannschaften und neue Herausforderungen gibt. Auch wenn ich als eine der erfahrenen Spielerinnen gelte und deshalb versuche, meine Erfahrungen weiterzugeben, lerne ich immer wieder etwas von allen meinen Mitspielerinnen.

International warst und bist du viel unterwegs. Kannst du dich noch an deinen ersten Einsatz für Deutschland erinnern?

Der erste internationale Einsatz mit der Juniorinnen Nationalmannschaft war im Sommer 2008 in Ungarn. Der erste Einsatz mit dem A-Kader war in den Niederlanden, bei einem vier Nationen Turnier im Sommer 2011.

Was zählst du zu deinen wertvollsten Erlebnissen im Wasserballsport?

Dazu zählt vieles, aber am meisten würde ich sagen, die internationalen Auftritte und mit der Mannschaft die Hymne singen zu dürfen, die Freundschaften die ich geschlossen habe und die vielen Lebenslektionen die der Sport mir tagtäglich immer noch beibringt.

Schaust du Wasserball von anderen Vereinen bzw. Ländern?

Klar, ich sehe mich als ein “Student of the Game.” Ich möchte mich ständig als Athletin und Wasserballerin weiterentwickeln und dazu gehört für mich Videoanalyse, nicht nur von mir und meiner Mannschaft, sondern auch von nationalen und internationalen Vereinen und Nationalmannschaften, beider Geschlechter. Für mich ist die Zeit ausserhalb des Wassers genauso wichtig, wenn nicht noch wichtiger, als die Zeit beim Training im Wasser, um mich bestmöglich auf Training und Wettkampf vorzubereiten.

Wasserball besteht auch aus Standard “Schablonen” Situationen und erfordert eine gewisse Kreativität innerhalb dieser Situationen, sowohl im Angriff, als auch in der Verteidigung. Dafür ist Video schauen super, um neue “Lösungen” für Standardsituationen zu finden. Äußerem ist unser Sport auch andauernd dabei sich zu entwickeln, daher ist es wichtig, den neuesten Stand der Dinge international zu verfolgen.

Du hast einen Master in Psychologie. Wie hast du Wasserball und Studium unter einen Hut gebracht?

Das stimmt nicht ganz, ich habe nämlich zwei Master in Psychologie, haha. Da ich größtenteils in den USA aufgewachsen bin, kenne ich es auch nicht anders, Leistungssport mit Schule oder Studium zu verbinden. Dies war dennoch nie einfach, denn der Spagat erfordert einiges an Zeitmanagement und Disziplin, aber auch externe Hilfe ist nicht wegzudenken, um terminliche Konflikte, zum Beispiel zwischen Wettkampf und Klausuren, erfolgreich zu navigieren. Während meines Masterstudiums an der Universität Mannheim, habe ich von dem Sportstipendium stark profitieren können und die damit verbundene Unterstützung war Gold wert.

An dieser Stelle auch nochmals ein herzliches Dankeschön an Herr Greinert und seine Familie, die diese Unterstützung für Sportler der Region Rhein-Neckar nun schon seit 10 Jahren ermöglichen.

An der University of Southern California war ich neben dem Studium auch als Athletin. Dies bedeutet zwar eine doppelte Belastung, aber auch Training auf höchstem Niveau und mit professionellem Umfeld.

Deine Ziele für diese Saison mit den Wfr Spandau 04 und mit der Nationalmannschaft?

Mit Spandau ist ganz klar das Ziel das Double, Pokal und Meisterschaft, zu gewinnen. Mit der Nationalmannschaft ist das Ziel bei der Europameisterschaft (Budapest) unter die Top 8 zu kommen und somit einen Platz bei dem Olympiaqualifikationsturnier zu erspielen.

Welche sportlichen Ziele hast du noch?

Das langersehnte sportliche Ziel ist natürlich immer noch an den Olympischen Spielen teilzunehmen.

Wäre der Trainerjob – nicht hauptberuflich – etwas für dich?

Da ich selber noch sehr viel Spaß am Spielen habe und als Spielerin noch einige Ziele mit meiner Mannschaft verfolge, möchte ich mich vorerst nicht an die Trainerjob heranwagen. In paar Jahren könnte ich es mir aber schon vorstellen, dem Sport den ich liebe, etwas zurück zugegeben, davon bin ich nicht abgeneigt.

Da du bereits seit 2004 Wasserball spielst sind seitdem 15 Jahre vergangen. Eine Zeit, wo sich im Spiel selber als auch im Umfeld einiges verändert hat, oder?

Definitiv, das Spiel ist insgesamt schneller geworden und die Spieler fitter. Dies ist unter anderem wegen Regeländerungen so, aber auch weil Wasserball und Wasserballer*innen sich insbesondere in anderen Nationen professioneller entwickelt. Aspekte wie die Trainingswissenschaft, Regenerationsmöglichkeiten und die Sport Psychologische Unterstützung spielen auch mehr und mehr eine Rolle im Wasserball.